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Verein Queer.Toggenburg – Erste Mini.Pride im Toggenburg

3. April 2025
Der Verein Queer.Toggenburg wurde am 14. August 2024 gegründet. Dabei handelt es sich um eine Gruppe queerer Menschen und Allies (Unterstützer:innen), welche queere Lebensweisen im Toggenburg sichtbar machen und Brücken bauen. Als erste grosse Veranstaltung führt Queer.Toggenburg die Mini.Pride in Lichtensteig durch. Im Interview mit dem Co-Präsidium, Stefan Schär und Christof Gasser, erfährst du, was es mit dem Verein und der ersten Pride im Toggenburg auf sich hat.

Eine Pride im Toggenburg – wie entstand diese Idee?

Christof Gasser: Die Idee einer Pride schwirrt bei uns schon einige Jahre umher. Konkret entstanden ist sie wohl vor etwa 3 Jahren bei einem guten Glas Wein mit einem guten Freund von mir. Bis zur Realisierung sollte es dann doch noch etwas dauern, aber wie sagt man so schön: Was lange währt wird endlich gut.

Stefan Schär: Eine Wein-Idee, vielleicht war es auch eine Bier-Idee. Bestimmt aber keine Schnapsidee.

Wie würdet ihr jemandem, der noch nie eine Pride erlebt hat, erklären, worum es geht?

Christof: Eine Pride ist ein Fest der Vielfalt von Menschen. Ein Anlass, bei dem Menschen mit verschiedenen Interessen, sexuellen Orientierungen und Hintergründen zusammenkommen und gemeinsam feiern. 

Stefan: Heute und speziell in Lichtensteig sind Prides tolle Gelegenheiten, um Brücken zu bauen und um einander besser zu verstehen. Hier begegnet man sich, man tauscht sich aus und läuft zusammen in einem Umzug durchs Städtli, bevor man Party macht.

War es schwierig, Unterstützer:innen für das Vorhaben zu finden?

Christof: Als wir mit der Konzeption der Pride begonnen haben, war für uns klar, dass wir uns breit aufstellen wollen. Glücklicherweise haben wir bereits einen «Queeren Stammtisch» in den lokalen Beizen, bei dem wir uns mit anderen Gleichgesinnten vernetzen und der eine gute Basis für die Mini.Pride bildet. 

Stefan: Wir waren überrascht wie viel Zuspruch und Unterstützung wir in der Anfangsphase erhalten haben. Gerade die Unternehmen, die sich mit einem Sponsoring eingebracht haben, sahen die Mini.Pride als eine grossartige Gelegenheit sich zu positionieren. Das alles war nur dank persönlicher Beziehungen möglich. Wir waren sehr berührt, dass viele Toggenburger:innen und Lichtensteiger:innen so zahlreich einen queeren Anlass finanziell und ideell tragen. Herzlichen Dank nochmals an dieser Stelle.

Prides finden normalerweise in Zürich, New York oder anderen Städten weltweit statt. Jetzt auch in Lichtensteig. Warum ist das Thema auch im Toggenburg wichtig? 

Stefan: Das Toggenburg ist unsere Heimat und es gibt auch hier queere Menschen. Die Mini.Pride schafft die Möglichkeit, queere Themen und Menschen sichtbar zu machen. Wir setzen damit ein Zeichen, dass Respekt, Liebe und Achtung Grundwerte sind – egal wo man lebt. Zudem brauchen junge queere Menschen Vorbilder und Orte, an denen sie sich willkommen und sicher fühlen.

Christof: Darum sind wir überzeugt, dass Akzeptanz und Toleranz mit Begegnungen beginnen. Einen solchen Ort der Begegnung und des Austauschs bietet Lichtensteig bestens an. Dadurch wird das Städtli auch bekannter. Es fühlt sich richtig toll an, dass Lichtensteig in einer Reihe mit anderen Städten in der Schweiz erwähnt wird: Lichtensteig, Zürich, St. Gallen, Bern, Basel, Genf, etc.

Gab es Inspirationen oder Vorbilder für die Mini.Pride? Und gibt es etwas Vergleichbares bzw. andere kleinere Prides in ländlichen Regionen? 

Christof: In den letzten Jahren sind viele Prides in der Schweiz entstanden – Aarau, Zug, St.Gallen, Chur, um einige zu nennen. Im ländlichen Raum sind wir aber unseres Wissens die ersten. Im Juli findet zudem die erste Pride in Glarus statt – auch eine spannende Geschichte. 

Stefan: Pride Konzepte sind ja meistens ähnlich, Umzug, Reden, Parties. Die Mini.Pride spricht aber das queere Zielpublikum sowie auch die Menschen aus der Region an.

In der Geschichte waren queere Menschen vielfach stark benachteiligt. Die Frustration über diese Ungleichbehandlung fand 1969 in den Stonewall-Aufständen in New York seinen Höhepunkt. Dies war die Geburtsstunde von heutigen Pride Veranstaltungen. Dass unsere Göttimeitlis und Göttibuebe ihren künftigen Nachkommen von der ersten Pride im Toggenburg erzählen können, macht uns stolz.

Im Geiste dieser Menschen wollen wir mit der Mini.Pride das Bewusstsein für queere Themen weiterentwickeln und für die Bürgerrechte aller Menschen einstehen. Wie nötig dies ist, zeigt die aktuelle Lage auf der Welt. Wir engagieren uns für die künftigen Generationen, um gute Vorfahren zu sein.

Für viele Toggenburger:innen mag das Thema eher neu sein oder man ist noch nicht gross damit in Berührung gekommen. Seht ihr dies eher als Chance oder Herausforderung? 

Christof: Sowohl als auch. Einerseits spüren wir, dass viele nur wenig Berührungspunkte damit haben und viele Fragen offen sind– andererseits ist das auch eine grosse Chance aufzuzeigen, dass auch das Toggenburg bereit ist für eine Pride. 

Stefan: Das Toggenburg feiert seine Traditionen wie das Silvesterchlausen, die Jazztage oder den Schlorzifladen. Oder wie kürzlich die Fasnacht. Es wäre doch witzig, wenn wir mit der Mini.Pride eine neue Tradition begründen.

Die Resonanz bis jetzt?

Christof: Wir erhalten viele positive Rückmeldungen und auch kritische Rückfragen – dafür sind wir dankbar, denn so wissen wir, wo wir noch ansetzen müssen, um ein Fest für alle zu organisieren. 

Stefan: Es freut uns, wenn wir hören, wie die Menschen gespannt auf den nächsten Insta-Post warten und darüber rätseln, wer als nächstes Testimonial ein Statement abgibt oder welches Unternehmen als Sponsorin aufgeführt wird.

Wie nehmt ihr «Queerness» im Toggenburg persönlich wahr?

Christof: In der Öffentlichkeit eher wenig.

Wo seht ihr noch Aufholbedarf, und warum?

Stefan: Das eigene Coming-Out ist eine grosse Herausforderung. Das war nicht nur bei mir so. Das kennen alle queeren Menschen. Im Grunde begleitet es einen das ganze Leben lang und ist geprägt von der Angst vor Ablehnung und Verurteilung. Es wäre sehr viel einfacher, wenn es in der Gesellschaft einen selbstverständlicheren Umgang mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen geben würde.

Ich spüre das immer dann, wenn wir in unseren Familien so gar nichts Besonderes mehr sind und das würde ich mir für alle Menschen wünschen. In diesem Sinne sind wir als Queers ja auch für das grosse Ganze engagiert. Wir setzen uns für ein gesellschaftliches Klima ein in welchem gilt: Egal wie du lebst, du hast meine Achtung und meinen Respekt.

Dazu ist es wichtig ins Gespräch zu gehen, um die eigenen Vorurteile abzubauen. Im Austausch und in der Begegnung stellen wir vielleicht erstaunt fest, wie sehr wir die gleichen Werte teilen oder wie viel wir voneinander lernen können. Vielfalt ist immer stärker als Einfalt.

Was bietet ihr am 26. April sonst noch an, nebst dem Umzug?

Christof: Durch den Tag präsentieren sich verschiedene Organisationen in der Kalberhalle und wir bieten zusammen mit dem Mini.Bierladen eine Vielfalt.Bar an, bei der man sich verpflegen kann. Am Nachmittag gibt es zwei Städtliführungen und eine Podiumsdiskussion. Nach dem Mini.Umzug findet eine Dragshow statt, bevor ab 20:00 Uhr dann Party angesagt ist. 

Stefan: Zudem freut es uns sehr, dass unsere Regierungsrätin Laura Bucher zugesagt hat, die Festrede zu halten.

Es ist also viel Party angesagt im Städtli!

Stefan: Wir freuen uns auf einen bunten und vielfältigen Tag, an dem Lichtensteig alle Menschen willkommen heisst.

 

Über Stefan Schär und Christof Gasser

Stefan lebt mit seinem Partner Silvan seit 2020 in Lichtensteig. Seine Leidenschaft gilt dem Verkaufen, dem Aufbau und der Entwicklung von Strategien und Beziehungen. Er ist beruflich in der Bau- und Immobilienbranche tätig und dadurch oft im Austausch mit Menschen. In seiner freien Zeit probiert er gerne mal Neues aus, aktuell gerade Queer-Fussball, Yoga und natürlich Gassi gehen mit Hund Jim. Der Leidenschaft fürs Essen folgen Jim und Stefan gleichermassen.

Auch Christof ist seit bald einem halben Jahrzehnt im Städtli wohnhaft. Er ist selbständiger Unternehmer und entwickelt dabei food-touristische Angebote und Gastronomiekonzepte für Firmen und Institutionen. Christof Gasser engagiert sich in der JCI Toggenburg, der Toggenburger Biergilde, im Lichtensteiger Gemeinderat und verbringt die Freizeit gerne in den Bergen oder auf Reisen. 

Die Mini.Pride findet während dem Super Saturday vom 26. April in Lichtensteig statt. Erfahre mehr über das Programm und den Verein Queer.Toggenburg: 

Programm Super Saturday

Mini.Pride

Co-Präsidium (Stefan Schär und Christof Gasser)
Co-Präsidium (Stefan Schär und Christof Gasser)